Auf Wiedersehen, liebe Sabine Dinkel!

Liebe Bine,

vorgestern Morgen saß ich am Ufer vom Sylvensteinspeicher. Ich saß da, wo ich immer sitze, wenn ich an diesem, meinem Seelenort bin: Unten am See, mit Blick über die sich im Wasser spiegelnden Boote. Dort sitze ich auch, weil es nur dort Internet gibt. Ich öffnete Facebook und las die Nachricht von Deinem lieben Mann, dass Du Deinen Durchschlupf gefunden hattest. Ich wusste, dass dieser Moment kommen würde, doch wie es sich anfühlt, wenn es soweit ist, darauf war ich dann doch nicht vorbereitet. Ich saß lange heulend am See.

Alexej hatte in Deinem Namen noch am Sonntag um Fingerabdrücke und letzte Grüße gebeten.

Unter all den Kommentaren las ich auch die Frage, ob Du uns denn ein Zeichen geben könntest, wenn Du auf der anderen Seite angekommen bist. Dieser tröstliche Gedanke blieb in meinem Kopf, nachdem ich ihn gelesen hatte. Ob das möglich sein würde, fragte ich mich?

Später am Tag bekam ich meine Antwort, mitten auf dem See.

Ich war noch paddeln. Auf spiegelglattem See konnte ich Ruhe in meine aufgewühlten Gedanken bringen. Stand-up-Paddeln ist für mich wie Meditation. Auf der einen Seite des Sees landete auf einmal ein kleiner Schmetterling auf meinem Arm. Ich verharrte still, um ihn nicht zu verscheuchen. Er blieb treu sitzen, auch als ich weiterfuhr. Während ich so in Richtung gegenüberliegendes Ufer paddelte, dachte ich, vielleicht will er ja auf die andere Seite?

In dem Moment wusste ich, dass Du mir ein Zeichen gibst.

Der Schmetterling blieb auf meinem Arm sitzen, bis ich den See zum anderen Ufer überquert hatte. Beim Davonfliegen flüsterte er mir zu, Du wärest gut auf der anderen Seite angekommen. Ich blickte hoch in den Himmel und sah Dich, so wie auf meiner Zeichnung auf einer Wolke sitzen. (Okay, ich habe gemogelt, den Regenbogen habe ich mir dazu ausgedacht, künstlerische Freiheit und so. Damit kanntest Du Dich ja aus.)

Liebe Bine, ich werde Dich immer in meinem Herzen tragen!

Das klingt pathetisch und das muss jetzt sein, weil es genau so ist. Du bist für mich Wegweiserin und Vorbild. Von Dir habe ich gelernt, dass das Leben jetzt stattfindet, genau jetzt. Ich bewunderte an Dir, dass Du jedem Tag ein Glückspeng entlocktest und Deine unschlagbar kreative und humorvolle Art hat mir viel Lächeln auf die Lippen gezaubert. Überhaupt und sowieso mochte ich Deinen einzigartigen Zeichenstil mit dem Du schwere Themen verdaulich machtest.

Wir kannten uns zuerst über Twitter. Zum ersten Mal in echt und in Farbe traf ich Dich dann an einem besonderen Wendepunkt in meinem Leben.

Gerade hatte ich mir den Freiraumbus gekauft. Kurz bevor ich ihn abholen wollte, fuhr ich zu einem genialen Männchen-zeichnen-Workshop an den Starnberger See. Dort, im wunderschönen Seminarhaus Buchenried, lernten wir uns kennen. Eine Woche lang ließen wir bei Gitte Härter die Zeichenstifte glühen. Du poliertest Deine Nasenmännchen und ich fand zu meinem Comicstyle. Eines sonnigen Mittags saßen wir Seite an Seite auf dem Steg und blickten über den See bis in die Alpen.

Damals, im April 2014 gabst Du mir den entscheidenden Hinweis zur Hochsensibilität.

Endlich hatte ich eine Erklärung für die Andersartigkeit, die mich schon mein ganzes Leben quälte. Dein Buch „Hochsensibel durch den Tag“ wurde mir dann später ein wichtiger Alltagsbegleiter. Ich empfehle dieses Buch jeder und jedem, die ich als hochsensibel empfinde. Deshalb hatte ich hier auch eine Buchrezension geschrieben

Wir blieben uns ab da erst virtuell, später auch persönlich verbunden.

Fast jedes Jahr warst Du eine kreative Mitzeichnerin in meinen #30skizzenimnovember. Die Challenge von 2015 bleibt mir immer in trauriger Erinnerung. Mittendrin tauchtest Du kommentarlos ab, weil die Schnieptröte Dein Leben auf den Kopf stellte. Später erzähltest Du die Geschichten Deiner Erkrankung im unfassbar witzigen Nasenmännchen-Comic-Format. Worte und Bilder zu finden, für eine Krankheit, die in unserer Gesellschaft sehr oft mit einem Tabu belegt ist, das ist Dir, liebe Bine in, im wahrsten Sinne, großARTiger Weise gelungen.

Auch wenn Hamburg und München echt weit voneinander entfernt sind, wir haben uns danach mindestens einmal im Jahr gesehen.

2016 fuhr der Freiraumbus nach einer Familienfeier in Berlin noch den Schlenker nach Hamburg. Da kamst Du gerade aus Deiner ersten Reha zurück.

2017 begann mit dem wechselseitigen Probelesen unserer Buchprojekte. Für mich war es ein großes Geschenk, dass Aspekte, die ich als Angehörige und Schnieptrötenbegleiterin vor über 20 Jahren erlebt hatte, in Deinem Buch Worte bekamen. Damit hast Du mir sehr geholfen, denn anders als Du, wollte mein Herzensmensch (noch) nicht öffentlich über seinen Krebs reden. So kam ein kleiner Teil meiner Geschichte in Deinem „Krebs ist, wenn man trotzdem lacht“ unter. Ich kann Dir verraten, ich habe beim Probelesen so gelacht. Du hattest eine urkomische Art, völlig unkomische Situationen zu beschreiben.

Im Mai 2017 warst Du mit Alexej in München zu einem Fotoshooting bei Recover Your Smile.

Auf dieser Reise wolltest Du noch ganz viel Glückspeng einsammeln um gut gerüstet für die nächste Schorle-Runde zu sein.
Am Tag vor dem Fototermin verbrachten wir drei einen wunderbaren Tag. Wir genossen beim Frühstück in luftiger Höhe über dem Marienplatz das Glockenspiel am Rathaus. Danach schlenderten wir kreuz und quer, immer außerhalb der typischen Touristenrouten durch die Stadt. Aber das Hofbräuhaus durfte nicht fehlen. Im Hofgarten spielten wir Boule. Ich hatte die ganze Zeit die Kugeln im Rucksack geschleppt. Die kamen dort zum Einsatz. Zum krönenden Abschluss der hochsensibeltauglichen Stadtführung saßen wir in der „Goldenen Bar“ im Haus der Kunst und aßen, na was wohl? Dörtschn*, ist doch klar. (*Kuchen, für alle, die Bine nicht kannten.)
Ich fühlte mich sehr geehrt, als ich später unser wunderbares Treffen in Deinem dritten Buch, dem Comic-Tagebuch „Arschbombe in die Untiefen des Lebens“ wiederfand.

Im November 2017 trafen wir uns wieder virtuell zu den #30Skizzenimnovember.

Diesmal nahmst Du Deine Lebensgeister unter die Zeichenlupe. Du gabst ihnen ein Gesicht und skizziertest Deine Angst, die Du Hildegard getauft hattest. Auch andere Schnieptrötengefühle trugst Du zeichnerisch in die Welt.

Das Tolle an diesem, wie du ihn nanntest, Lovember war unser Treffen bei Dir in Hamburg.

Der Freiraumbus passte so gerade unter der tiefhängenden Blumenranke über der Einfahrt durch. Ich durfte ihn im Hof parken und hatte ein Exemplar meiner Anfang November erschienenen Comicbiografie im Gepäck. Du hattest mich so tatkräftig mit Probelesen und Mutmachen unterstützt, da war es mir ein echtes Herzensanliegen Dir Dein handsigniertes Dankeschön-Exemplar persönlich vorbei zu bringen.

3 Tage lang hatten wir intensive, farbenfrohe und ebenso traurige Gespräche.

Da gab es einen neuen MRT-Befund, dessen Ärztesprech wir entzifferten. Wir aßen gemeinsam im Freiraumbus zu Abend. Dann wieder saßen wir am Feuer in Deinem Lieblingscafé und philosophierten über unsere Themen: Krebs und Freiraum. Du mit Dörtschn, ich mit Käsebrot. Unsere Gespräche umfassten einen Regenbogen voller Themen und Gefühle. Wir sprachen über den Tod, die Liebe und das Leben. Wir weinten und lachten. Aßen Pizza beim Lieblingsitaliener.
Es war schwer und leicht und froh und traurig und mutmachend zugleich.

Ziemlich genau heute vor 2 Jahren stand der Freiraumbus in Eurem Garten in MäckPomm.

Mein Herzensmensch und ich kamen von unserer Silberhochzeitsreise zurück. Die Sonne schien drückend heiß in diesem Megasommer 2018. Wir waren froh im Garten unterm schattigen Walnussbaum zu sitzen. Du musstest gerade die Nachricht des Rezidivs verdauen. Ich konnte Dir wenigstens eine Schulter zum Weinen bieten. Genau an dem Tag schriebst Du den Blogartikel mit dem Kirschpeng. Ich durfte ihn vorab lesen. Es war so wunderbar zu sehen, dass Dir dadurch der Kontakt zum Hawewe-Verlag ins Kirschkörbchen gelegt wurde und Dein Comic-Tagebuch ruckzuck in die Welt kam, Dein drittes Buch, Du fleißige Bine.

Das allerschönste Geschenk war an diesem Nachmittag die Offenheit und Klarheit, mit der Du über Deinen Krebs sprachst.

Damit hast Du meinem Mann den Mut geschenkt, von seinem Krebs vor vielen Jahren zu erzählen. Das tat er bis dahin nie vor ihm unbekannten Menschen. Ich habe heute noch Gänsehautschauer, wenn ich an diese berührenden Momente im Garten denke. Daran erinnert mich dann auch die Skizze 61 meiner 66 Skizzen mit dem Titel Gratwanderung.
Du hast damals liebevoll das „Klebeband“ zu einer lange gut verschlossenen Kiste geöffnet. Es dauerte dann immer noch ein Jahr, bis ich „meine“ Schnieptröten-Begleit-Geschichte öffentlich machen durfte.

Im Herbst traf ich Dich dann gleich nochmal, diesmal endlich wieder in Begleitung von Deinem wundervollen Mann Alexej.

Am Tag vor dem Eigenstimmig-Herbstfest spazierten wir gemeinsam mit den Bassettinen durch die Weinberge von Gimmeldingen. Es war so herzerwärmend zu sehen, mit welcher Liebe und Fürsorge Du und Alexej miteinander umgingt.

Im Juli 2019 gab es Dein neuestes Herzensprojekt, das Aufstellbuch Strandpoesie zu feiern.

Du warst da gerade in Bad Bergzabern. Ein guter Grund um mit dem Freiraumbus mal wieder in die Pfalz zu fahren. In Frankreich hatte ich noch Cremant und Kirschen eingekauft. Wir breiteten im Klinikgarten die Picknichdecke aus und stießen auf Dein neuestes Werk an. Am nächsten Tag gab es doofe Nachrichten von gestiegenen Tumormarkern, die wir ganz gepflegt in extragroßen Eisbechern versenkten. Übrigens, die Cremantflasche habe ich aufgehoben. Sie ziert heute eine Kerze, die zur Erinnerung an Dich leuchtet und mich daran erinnert: „Das Leben ist jetzt!“

Tumormarker lassen sich durch Eisbecher zwar kurzfristig ablenken, leider blieben sie nun hartnäckig an Deiner Seite.

Der schöne Silvesterurlaub endete im Krankenhaus. Das Jahr 2020 begann für Dich mit einem Paukenschlag. Immerhin war noch Zeit für das Deichkind-Konzert und einen genialen Urlaub in Dänemark. Während in Deutschland Corona das Zepter übernahm, saßst Du im gemütlichen Ferienhaus und schriebst das nächste Buch. Dein neuestes Werk „Gute Tage trotz Krebs- Ein humorvolles Ausfüll- und Mutmachbuch rund um eine doofe Diagnose erscheint im August. Zu traurig, dass Du es nicht mehr in den Händen halten konntest..

Klug, wie Du warst, fuhrst Du von Dänemark kommend zu Deinen Freunden, Nele und Basti Süß ins Seminarhaus Sorgbrück.

Dort tauchtest Du für die nächsten drei Monate unter. Die Welt wurde stiller, weil Corona es so wollte, Du brachtest Feinschliff in Dein Buch.

Wahnsinn!!! Wo nahmst Du nur die Kraft her?

Du wusstest, dass Du in Sorgbrück gut versorgt bist. Ich habe mir immer gedacht, Sorgbrück, welch schönes Bild. Ich sah eine Brücke über die Sorgen Deines Alltags. Dass die Sorge tatsächlich ein kleiner Fluss ist, das habe ich erst gelernt, als ich vor 6 Wochen Dich dort besuchte.

Der Freiraumbus wollte unbedingt den Schlenker über Sorgbrück fahren.

Meine erste Reise nach dem Shut-Down hatte mich zu meinem zweiten Seelenort am Darß geführt. Die Rückreise stand an und mein Bauchgefühl sagte, Du hättest nicht mehr viel Zeit. Ich bin Dir sehr dankbar, dass ich kommen durfte. Wir beide wussten, dass es unser letztes Gespräch sein würde.

Zum Abschied haben wir uns „Auf Wiedersehen“ gesagt.

Das fühlte sich tröstlich an, denn ich will Dich auf jeden Fall wiedersehen. Bestimmt gibt es da, wo Du nun bist auch eine Kreativwerkstatt oder ein Zeichenzimmer. Bitte halte mir ein Plätzchen für unser Wiedersehen frei.

Liebe Bine, das ist nun mit Abstand der allerlängste Blogartikel geworden, den ich jemals geschrieben habe.

Normaler Weise predige ich ja die Essenz. Doch heute muss es die Wortfülle sein.

Danke, dass Du in meinem Leben warst.
Danke für Deine humorvolle Art und Deine wunderbaren Bücher.
Danke für den grünen Ring, der nun meine Hand ziert und mich immer an Dich erinnern wird.

Einfach danke für alles.

Herzensgrüße von Deiner
Angelika