Wer Freiraum kreieren will, muss die Engstellen (er)kennen.

*Spoiler: Achtung: Langer, persönlicher Text.

Wer andere beim Thema Freiraum unterstützen will, darf sich seiner eigenen Engstellen sehr bewusst sein.

Meine Größe war lange ein großer Schmerz:

Schon im Kindergarten zeichnete ich ganze Universen auf briefmarkengroßes Papier. Und stand schon damals bei den Gruppenfotos wegen meiner Größe in der letzten Reihe. Im Gymnasium war ich bis in die Oberstufe die Größte meiner Jahrgangsstufe. Leuchtturm war damals das Schimpfwort für mich. Mein Körper reagierte mit schweren Allergien und zeigte, dass ich mich nicht wohl fühlte in meiner Haut. Jungs fanden mich doof. Beim Tanzkurs war ich eine von denen, die auf die Hospitanten warteten. Wer will auch mit einem Mädchen tanzen, zu dem er aufsehen muss?
Ich las mich derweil durch die Bestände der Stadtbibliothek und probierte viele Kreativtechniken aus. Von Goldschmiedearbeiten bis Bauernmalerei war alles dabei.

Innenarchitektur statt Kunst.

Doch statt Kunst studierte ich Innenarchitektur. Zur Kunst wurde ich nicht ermutigt, wahrscheinlich weil Kunst für die Kriegsgeneration meiner Eltern als brotlos galt. Ich hatte Glück, dass mein Studiengang sehr künstlerisch angelegt war. Meine Diplomarbeit kreierte Wohnräume in einer Palladio-Villa. Das dazugehörige DIN A 2 Skizzenbuch umfasste 200 Seiten. Schon damals hatte ich meinen unverkennbaren Zeichenstil. Doch da ahnte ich noch nicht, dass ich ein besonderes Zeichentalent hatte.

Der Herzensmensch und München.

Einen Herzensmenschen hatte ich dann doch gefunden. Mit ihm ging ich vom Ruhrgebiet nach München. In meiner ersten Stelle in einem großen Architekturbüro war ich ein Novum, die erste Innenarchitektin, der sie gleich noch eine Projekt- und Bauleitung zutrauten. Mit gerade mal 25 Jahren erklärte ich Handwerkern, die tiefsten bayrischen Dialekt sprachen, wie meine Entwürfe umgesetzt werden sollten. Mein erstes Projekt bescherte mir viele schlaflose Nächte, regelmäßige Panikattacken und am Ende einen sehr schönen umgebauten Yachtclub am Starnberger See. Danach wurde mir auch in anderen Büros Projekte von A bis Z anvertraut. In einem Jahr fuhr ich 55.000 Kilometer zu meinen Baustellen. Noch hochschwanger mit meinem ersten Kind erklärte ich Handwerkern, wie sie meinen Entwurf realisieren sollten. So gut wie immer war ich die einzige Frau auf der Baustelle und dann auch noch die, die das Sagen hatte. Das war und blieb, bis ich es an den Nagel hing, super anstrengend.

Meinen Herzensmenschen hatte ich in der Zwischenzeit feierlich geheiratet. Nach der Geburt unserer Tochter ging ich erstmal in Elternzeit. Reisetätigkeit und Säugling, das passte nicht zusammen. Später realisierte ich kleinere Projekte für mein damaliges Büro. Statt meinen Bauherren zu erzählen, dass ich mit Kind von zu Hause aus arbeitete, erzählte mein Chef, ich sei auf der Baustelle. Das hat mich sehr geschmerzt.

Die Weite von Canada: Vancouver

Das Dilemma löste sich, als wir als kleine Familie kurzentschlossen, innerhalb von 14 Tagen, für 10 Monate nach Vancouver in Canada zogen, weil mein Mann dorthin expediert wurde. Ich verliebte mich in dieses schöne Land mit Weitblick und Freiraum. Mein Lieblingsort wurde Vancouver Island.
Engstellen erlebte ich durch die Alltagsorganisation mit kleinem Kind, meinem Heimweh und schmerzhaften gesundheitlichen Problemen. Internet und Telefonflat gab es 1997 noch nicht. Auch Expat-Unterstützung bei der Rückkehr war unbekannt. Zurück in Deutschland vermisste ich die canadische Weite. Alles fühlte sich eng an.

Familienglück und Krebs

Bald nach unserer Rückkehr kündigte sich Kind Nummer 2 an. Doch das Familienglück nach der Geburt währte nur 2 Wochen lang. Dann schlug die Diagnose Krebs wie ein Blitz bei uns ein. Statt Wochenbett begleitete ich meinen Mann, der durch Operation und Chemotherapie gehen musste. Mein Leben stand von einem auf den anderen Tag Kopf. Alles fühlte sich surreal an. Als ich die Geburtsanzeige für unseren Sohn verschickte, fürchtete ich, das nächste sei eine Todesanzeige. Zum Glück kam es anders.
Ich aktivierte alle meiner Ressourcen und jonglierte Krankheitsbegleitung und 2 kleine Kinder. Schaffte es sogar, meinen Sohn 9 Monate lang zu stillen. Kein Ahnung, woher ich die Kraft nahm.

Die Lebensfreude war weg

Doch danach war nichts mehr wie vorher. Die Lebensfreude war in der Chemotherapie vergiftet worden. Der Alltag mit 2 kleinen Kindern blieb anstrengend. Gute Nachrichten brachten die regelmäßigen, befundfreien Kontrolltermine: Der Krebs blieb weg!

Genug Last für meinen Lebensrucksack?, dachte ich…

Ich dachte damals, es sei genug Last in meinen Lebensrucksack gepackt worden und startete in die berufliche Selbständigkeit als Innenarchitektin. Doch weit gefehlt. Aus einer Entwicklungsverzögerung wurde bei Kind Nummer 1 eine Lernbehinderung. Der schulische Weg wurde steinig. Diagnosen und Hilfen waren nur nach langen Wartezeiten zu bekommen. Ich lernte Geduld und übte mich im Loslassen von Leistungserwartungen. Gleichzeitig vertraute ich meinem Bauchgefühl, das sagte, dieses wunderbare Kind geht seinen Weg, wenn es ermutigt wird. Üben, dranbleiben und ermutigen, das waren meine langjährigen Themen. Heute steht meine wunderbare Tochter auf eigenen Füßen und hat es allen gezeigt, die ihr die Eigenständigkeit nicht zugetraut haben. Ich bin sehr stolz auf sie!

Unseren Sohn bei all den Anstrengungen ebenfalls das richtige Maß an Zuwendung zu schenken, war für mich ein großer Kraftakt. Gespart habe ich bei mir, bei meinen Wünschen und meiner beruflichen Entwicklung.

Und wir als Paar bekamen viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Meine Marke Freiraumfrau wird „geboren“.

Den Wendepunkt erlebte ich 2010 als die Freiraumfrau in einer Markenberatung geboren wurde. Schritt für Schritt suche ich seitdem den Freiraum auf allen Ebenen. Ich nutze meine kreativen Fähigkeiten um unkonventionelle Lösungen aus Engstellen zu finden.

Ich bin eine sogenannte Kriegsenkelin. Hart gegen mich selber zu sein, durch- und auszuhalten, darin war ich geprägt. Erst mit Freiraumfrau lernte ich auch auf meine Balance zu schauen. In der Lebensmitte krempelte ich mein Leben nochmal um.

Mein Haus am See hat Räder!

Meine Entscheidung ein rollendes Haus am See, ein Wohnmobil, meinen Freiraumbus zu kaufen, brachte die Seelenruhe und Zufriedenheit, die ich mein ganzes Leben lang gesucht habe. Erst mit großer Selbstehrlichkeit konnte ich für eine Lösung finden, die mich stärkt und trotzdem alles unter einen (Familien-)Hut bringt.

Mittlerweile sind unsere Kinder aus dem Haus. Dafür brauchen meine alten Eltern mehr Unterstützung. Und nun Corona und die Erkenntnis, dass es immer Engstellen geben wird, die zu bewältigen sind. (Über die Balance zwischen Licht und Schatten hatte ich hier schon mal gebloggt.)

Weshalb ich dir das alles so ausführlich erzähle?

Ich finde, du solltest wissen, wer dich beim Freiraum kreieren begleitet. Du siehst, ich kenne mich mit vielen Facetten von Engstellen aus und spüre dem Freiraum auf allen Ebenen nach. Heute weiß ich, es geht darum den Freiraum im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu leben. Und zwar im hier und jetzt. Keiner weiß, wie morgen sein wird.

Dazu musste ich viel über mich lernen. Seit ich weiß, wie ich ticke, kann ich meinen Freiraum artgerecht* (danke, liebe *Sylvia Löhken für diese Formulierung, die ich deinem Buch „Leise Menschen, starke Wirkung“ entliehen habe) leben.

Gerade feiere ich mein 10-jähriges Markenjubiläum. 10 Jahre habe ich gebraucht, um meinen Freiraumweg Schritt für Schritt zu finden. Jetzt habe ich den Punkt erreicht, an dem ich mein langjährig erarbeitetes Wissen weitergeben kann.

Lass uns zusammen Freiraum kreieren!

Deine Freiraumfrau


Mit mir arbeiten: „Freiraum kreieren!“

Ich begleite dich aus Engstellenzeiten hin zu mehr Freiraum in deinem Leben. Die Essenz unserer Gespräche verankere ich meinen Zeichnungen.