Von Hochsensibilität, übervollen Filtern und Augen am Hinterkopf.

Diesen Blogbeitrag will ich ja schon länger schreiben. Doch das Thema ist für mich ein sehr persönliches. Jetzt wurde ich ermuntert durch den Beitrag von Inga von Thomsen, die ich bei meinem Zeichenprojekt #30skizzen näher kennenlernte.

Zeit meines Lebens war ich anders als die anderen. Ich fiel gefühlt immer aus dem Rahmen und das habe ich lange an meiner Größe festgemacht. Bis hinein in die Oberstufe war ich die Größte der gesamten Jahrgangsstufe. Ich war mit 14 Jahren bereits mit 1,81 m ausgewachsen. Für die damalige Zeit ziemlich groß und auch heute treffe ich selten Frauen, die deutlich größer sind als ich. Ich dachte also lange, es liegt an meiner Größe. Klar war mir jedenfalls, dass ich mich nicht so richtig wohl in meiner Haut fühlte. Mein Körper signalisierte mir das in der Pubertät durch eine starke Allergie, für die alle Ärzte, die ich konsultierte keine Lösung fanden.

Ich hatte immer schon ein gutes Gespür für Stimmungen. Merkte, wenn es jemand schlecht ging. Oder wenn ich in einen Raum reinkomme, dann spüre ich die Energie. Ich sammle Eindrücke, die dann wie bei einem Puzzle ein Gesamtbild zusammensetzen. Höre Ungesagtes oder lese sozusagen zwischen den Zeilen. DIese Wahrnehmung steuere ich nicht, sie passiert mir einfach. Manchmal denke ich, wie so eine Art Scanner. Für mich war das immer schon normal und mir war lange nicht klar, dass andere so nicht wahrnehmen. Entweder hörte ich dann: “Das habe ich gar nicht mitbekommen” oder auch gerne, wenn ich dann gestresst war: “Stell dich nicht so an!” oder “Du bist immer so empfindlich!” An meiner Allergie habe ich ja gesehen, dass ich nicht aus meiner Haut rauskomme. Doch das es dafür einen Namen gibt, dafür habe ich noch viele Jahre warten müssen.

2012 lernte ich über Twitter Dr. Sylvia Löhken und ihr Buch “Leise Menschen, starke Wirkung” kennen. Beim Lesen des Buches hatte ich zum ersten Mal ein Aha-Erlebnis. Ich erkannte, dass ich, obwohl ich mich selber eher als extrovertierten Menschen eingeschätzt hätte, genau das Gegenteil bin, nämlich introvertiert. Ich kann zwar gut auf Menschen zu- und eingehen, doch ich brauche viel Zeit um meinen Akku wieder aufzuladen. Ich empfand es als große Erleichterung, für mein gefühltes Anderssein einen Namen zu haben.
Wir lernten uns näher kennen, Sylvia und ich. Führten intensive Gespräche per Telefon und im realen Leben. Und Sylvia fragte mich, ob ich mich schon mal mit dem Thema Hochsensibilität auseinander gesetzt hätte. Natürlich nicht, doch ich nahm ihren Impuls dankbar auf. Las, was ich zum Thema fand und spürte eine große Erleichterung. Endlich einen Namen für mein Große Antennen-Syndrom, meinen manchmal übervollen Wahrnehmungsfilter. Wie sagte mein Sohn einmal so schön: “Mama, ich glaube, Du hast hinten Augen.” Genaus fühlt es sich für mich an.
In der Auseinandersetzung mit Hochsensibilität wurde mir klar, dass diese Eigenschaft für mich eine große Qualität besitzt. Ich filtere und kann Dinge benennen, die andere erst mal nicht wahrnehmen. Das ist eine wunderbare Fähigkeit, wenn es darum geht die Herzensthemen meiner Kunden zu unterstützen, auf den Punkt zu bringen. Oft kann ich auch früh sehen, wohin ein Weg gehen soll.

Die Schattenseite meiner hohen Wahrnehmung ist, dass ich eben auch “alles andere” wahrnehme. Das kann in der U-Bahn sein. Ich spüre z.B., wie es Menschen in meiner Ummgebung geht. Wenn jemand traurig ist. Oft sind das aber nicht meine Themen, ich bekomme sie aber trotzdem mit. Laute Musik oder laute Gespräche lenken mich ab. Ich brauche Ruhe um gut arbeiten zu können. Fragt mal meine Familie, wie oft ich darum bitte, dass die Musik leiser gemacht wird. Wenn ich alleine Auto fahre, dann schalte ich oft das Radio aus.

Wenn ich viel erlebt habe, dann brauche ich meine Ruhe, am liebsten alleine. Das war mir lange Jahre nicht klar. Mitten in meinem Familienalltag mit herausfordernden Aufgaben konnte ich das nicht umsetzen. Und ich bin auch, als Kind der 60er Jahre zum Durchhalten und zur Leistung erzogen worden. Ich habe also gelernt zu extrovertieren. Ich kann lange in Belastungssituationen durchhalten. Heute weiß ich, das das energetisch schlecht für mich ist und vor allem meine wahren, kreativen Talente zumüllt.

Wie heißt es so schön, jede Medaille hat auch ihre Schattenseite. Ich lerne gerade, Schritt für Schritt meiner Sensibilität den passenden Rahmen zu geben. Achte mehr auf mich. Verändere meine Arbeit. Suche den Ausgleich in der Natur. Und ja, ich habe mir den Freiraumbus gekauft um zum einen meine Akkus mit weiten Blicken und Natur um mich herum aufzutanken. Aber auch, weil ich im Bus alle mir wichtigen Sachen bei mir habe. Kein neues Hotel ansteuern muss, wenn ich unterwegs bin oder in ein volles Restaurant gehen muss, um zu essen. Versteht mich nicht falsch, ich liebe schöne Hotels und gehe gerne fein essen. Aber wenn ich gerade auf dem Rückzug bin um meine Akkus aufzuladen, dann betrete ich ungern Neuland oder bin mit fremden Menschen zusammen.

Für meine Arbeit hatte die Erkenntnis der Hochsensibilität eine wichtige Konsequenz. Nach vielen Jahren, in denen ich mir bewiesen habe, dass ich eine gute Bauleitung bin und komplexe Projekte betreut habe, hänge ich das Bauen an den Nagel. Innenraumberatung mache ich weiterhin. Meine Kunden kommen über Empfehlung zu mir, weil sie meine kreativen Ideen schätzen und meine intuitiv, empatische Art.

Ich kehre zu meinen zeichnerisch, kreativen Wurzeln zurück und kombiniere die mit dem Coaching. Reaktivzeichnen und “Reise zu mir” sind die beiden Formate, die ich aus meinen neugewonnenen Erkenntnissen entwickelt habe.

Dieser Weg bis heute war ganz schön anspruchsvoll für mich. Ebenso wie es ziemlich herausfordernd ist, darüber so persönlich zu schreiben. Doch ich weiß, es geht noch mehr Menschen so wie mir und ich möchte die ermutigen, ihrer inneren Stimme zu vertrauen und sich auf den eigenen Weg zu machen.

Wer mich kennt, der weiß, ich habe gelernt über meine Arbeit zu sprechen. Und auch wenn ich keine Freundin des “call to action” bin, diesmal muss er sein. Wenn du also das Gefühl hast, dich spricht mein Artikel an und du brauchst Unterstützung auf deinem Weg, dann freue ich mich über deine Kontaktaufnahme. Gemeinsam finden wir ein für dich passendes indivduelles Format der Unterstützung.

Wer mehr lesen will, hier einige Blogbeiträge, die meinen persönlichen Weg dokumentieren:
Mein Haus am See hat Räder
Freiraumbus: Von Wunschkunden, Glühwürmchen und einem Regensee
Die Geschichte von der Reise zu mir
Die Kunst des Loslassens

12 Kommentare

  1. Liebe Freiraumfrau (ich wollte diesen tollen Namen tippen!),

    wie schön, dass du Antworten gefunden hast. Und das Fragen damit zwar nicht gänzlich aufhören wird. Ihr Geschmack sich jedoch vermutlich ändert.

    Ich jedenfalls danke dir für deine Offenheit und deine Geschichte. Sehr. Vor recht kurzer Zeit habe ich ähnliche Antworten gefunden. Und entgegen meiner leisen Befürchtung, ich könnte mir nun selbst einen Stempel gegeben haben, empfinde ich Erleichterung. So isses eben. Und ich kann sogar “Danke” fühlen. Denn dieses Hochsensibel-sein ist mir in meiner Arbeit ein kostbarer Diener. Alles andere ist eben lernen. Ein Bus, ein Pferd, die Laufschuhe oder die Musik. Es gibt viele Möglichkeiten, den Antennen und rückwärtigen Augen eine Pause zu gönnen.

    Frühlingsgrüße aus dem Norden sendet dir
    Cornelia @glueckswoerter

    • Freiraumfrau

      Liebe Cornelia,
      hab Dank für Deine schönen Worte, die ich jetzt erst freischalte, weil ich nach Erscheinen meines Artikels mir eine Freiraumbus-Auszeit gegönnt habe.
      Ich sehe es genauso wie du. Diese Form der Wahrnehmung ist ein Geschenk. Ich kann es immer mehr darüber freuen, je weiter ich es auspacke.
      Mit Herzensgrüßen aus München,

      Deine Freiraumfrau
      (Danke, dass Dir mein Markenname so gut gefällt. Ich liebe ihn auch sehr, er verdeutlicht intensiv um was es mir in meiner Arbeit und auch persönlich geht: individuellen Freiraum)

  2. Liebe Angelika,
    was für ein lesenswerter und mutiger Artikel! Und ich freue mich natürlich, dass ich dich dazu inspirieren konnte. Schön, wenn wir das gegenseitig können!
    Dir weiterhin alles Gute mit diesen (immer wieder) neuen Erkenntnissen und herzliche Grüße,
    Inga

    • Freiraumfrau

      Liebe Inga, dankeschön.
      Ja, es hat wirklich eine lange Weile gedauert, bis ich mutig sein konnte.
      Wie schön, dass wir uns virtuell begegnet sind.

      Ganz herzliche Grüße in den Norden.
      Angelika

  3. Liebe Angelika,

    schön, dass du dich getraut hast. Das ist doch auch ein ganz wichtiges Thema! Und ein so spannendes!

    Ich erinnere mich noch gut an unser Gespräch am Starnberger See (am Steg in der Sonne) ;o)

    Es gibt noch so viele Hochsensible, die von ihrer Ausprägung nichts wissen und seit Jahren oder Jahrzehnten denken, mit ihnen stimme etwas nicht. Je mehr sich Hochsensible trauen, darüber zu reden (oder zu schreiben), desto mehr Resonanz wird an den richtigen Stellen erzeugt.

    Dass du das “Reaktivzeichnen” ins Leben gerufen hast, ist eine enorme Bereicherung. Ich freue mich nun schon seit 26 Tagen über unsere #30skizzen. Was machen wir nur, wenn die 30 Tage um sind?

    Herzliche Grüße
    Sabine

    PS.
    Ich schreibe ja gerade einen Ratgeber zum Thema und freue mich schon total darauf, bald mehr darüber berichten zu können.

    • Freiraumfrau

      Liebe Sabine,
      an unser Gespräch am Starnberger See erinnere ich mich gut. Damals war ich “beim Rantasten” an das Thema Hochsensibilität. Im Rückblick kann ich sagen, dass diese Tage am See eine wichtige Weiche in meinem Leben neu gestellt haben. Dort kam ja auch das “Reaktivzeichnen” in mein Leben zurück. Ich genieße es sehr, mich und meine Wahrnehmung über Zeichnungen auszudrücken.
      Um Deine Frage zu beantworten, “was machen wir nach den #30skizzen also ich denke darüber nach, einen Online-Workshop anzubieten. Wenn Du Wünsche und Ideen hasst, wie es weitergehen kann, dann immer her damit.

      Liebe Grüße,
      Angelika

      • Toll, dass sich auch bei dir so viel zurecht geruckelt hat am sagenhaften Starnberger See. Das war aber auch schön ;o)

        Das mit dem Online-Workshop finde ich eine tolle Idee, dazu schicke ich dir mal eine E-Mail. Ich hätte da ein paar Wünsche :o)

        Liebe Grüße
        Sabine

  4. Hallo!

    Danke für Deinen sehr persönlichen Bericht! Als ebenfalls HSP sind mir das, was Du schilderst sehr vertraut einschließlich dem, sich ständig als Außenseiter zu fühlen.

    Auch das starke Bedürfnis nach Freiraum und Zeit für sich selbst kann ich bestätigen.

    Ich freue mich, diesen Blog entdeckt zu haben und habe ihn gleich über Bloglovin abonniert.

    Selbst beschäftige ich mich mit den Themen Nachhaltigkeit, Müllvermeidung und Minimalismus und habe interessanterweise entdeckt, dass gerade im Bereich Minimalismus sehr viele HSP zu finden sind!

    Achja – die Augen am Hinterkopf habe ich übrigens auch.

    lg
    Maria

    • Freiraumfrau

      Liebe Maria,

      ich danke dir sehr für deinen Kommentar und freue mich, dass du meinen Blog abonniert hast.
      Für mich gehören Minimalismus und Freiraum zusammen, sie beantworten für mich die Frage, was brauche ich wirklich.

      Und für die “Augen am Hinterkopf” muss ich umbedingt in der nächsten Zeit mal eine Zeichnung kreieren.

      Liebe Grüße,
      Angelika

  5. Liebe Freiraumfrau,
    das “Hinten Augen haben”, kenn ich auch. Total überfordernd, wenn man auch noch vorne welche hat! Wie viel ich permanent wahrnehme, merke ich beim Schreiben – das ist vermutlich so ähnlich wie bei dir beim Zeichnen. So eine Art Kanal, um das, was man zu viel wahrnimmt, zu benenen und zu sortieren. Und dann beginnt es, Spaß zu machen!
    In diesem Sinne grüßt
    Franziska

  6. Liebe Angelika,
    gerade habe ich Deinen mutigen Beitrag zum zweiten Mal gelesen und bin wieder genauso berührt. Du sprichst den Doppelbedarf an, der uns im Doppelclub intro/hochsensibel oft zu niedrig dosiert ist: Einerseits mögen wir “Sicherheit vor”: Exponiertheit, zu viele Menschen, unnötige Risiken. Andererseits mögen wir die “Freiheit zu”: Reduktion, Minimalismus, Freiraumbus, Auszeiten: unserer eigenen Art des Daseins.
    Das ist in meinem Leben auch und immer wieder ein Thema. Wie schön, dass wir uns dabei gegenseitig begleiten können.
    Herzliche Grüße vom Intro-Schreibtisch hoch über der lauten Stadt
    Sylvia

    • Freiraumfrau

      Liebe Sylvia,
      danke für Deinen schönen Kommentar. Ganz ehrlich, ich fand mich gar nicht mutig bei meinem Blogbeitrag. Denn es tat mir so gut, endlich darüber zu berichten, wie ich bin, wie ich ticke. Du nennst das ja gerne die “artgerechte Haltung”, hihi, aber genau darum geht es. So zu leben, dass ich Freiraum für meine Talente habe und trotzdem meiner introvertierten-hochsensiblen Art gerecht werde.
      Danke für all Deine Impulse.
      Der Weg ist das Ziel und mein Blogbeitrag war ein weiterer Schritt auf meinem Weg.
      Alles Liebe.
      Angelika

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