Geschichten von der Lieblingsbank

Wie aus dem Nichts scheppert mir eine altölig-rauchige, leicht parfürmierte, eindeutig weibliche Stimme über die linke Schulter. Zutiefst überrascht schrecke ich zusammen. Die zur Stimme gehörende Frau taucht schattenwerfend in meinem Augenwinkel auf. Fast würde ich sagen, sie baut sich vor mir auf. Schenkt mir dann doch zwei Schritte Abstand.

„Oh, ich wollte Sie nicht erschrecken!“, tönt es scheinheilig aus ihrem Mund. Eine zweite Frau gleicher Coleur, diese jedoch im Tigerlilly-Look erscheint. Anscheinend sind die beiden Freundinnen. Nun stehen beide laut labernd in meinem Blickfeld. Wobei wir hier von einem ganz besonderen Blickfeld sprechen.

Es ist die Aussicht auf die blau-türkis schimmernde Ostsee. Die Wellen haben weiße Schaumkronen. Über allem schwebt ein strahlend blauer Himmel. Dünengras umrahmt den Blick von meiner Lieblingsbank, die oben auf der Düne am Lieblingsstrand thront. Und der liegt auf dem Fischland in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Holzbank ist schmal. Eine schöne Bank für zwei. Aneinandergekuschelt ist Platz für drei. Dann passt aber kein Blatt mehr dazwischen.

Ich sitze genau in der Mitte von der Bank. Wenn ich meine Arme rechts und links auf die Lehne lege, dann hängen meine Hände locker herunter.

Aus gutem Grund sitze ich in der Mitte, denn letztens steuerte ein Mann die Bank an und setzte sich, ohne zu fragen neben mich. Fairerweise muss ich das so beschreiben, dass er sich schnaufend direkt an meine Hosennaht auf die Bank plumpsen ließ. Ich dachte erst, er wolle sich die Schuhe wechseln, weil er zwei Paar in der Hand hielt. Aber nein! Er wollte auf seine Frau warten, die unten am Strand spazieren ging. Ich war erst verdutzt. Musste kurz durchatmen über seine dreiste Art. Geht gar nicht! Ist voll übergriffig und das habe ich ihm dann mitgeteilt. Und ihn von der Bank gescheucht. Motzend und vor sich hin stänkernd über so viel Unbill von meiner Seite trollte er sich dann.

Die beiden Damen von heute haben eine Strategie. Sie geben sich große Mühe mir die Situation so unangenehm wie möglich zu machen. Raumgreifend, die Aussicht lautstark bewundernd und mit der offensichtlichen Absicht die Bank zu entern, verschandeln sie die Aussicht. Ich wende Körper und Blick zur Seite. Schließlich habe ich keine Lust die Damen zu betrachten.

Auf einmal sagt die eine, ob sie sich zu mir setzen könne? Fast drohend steht sie fragend vor mir. Ihre dunkle Stimme senkt sich laut auf mich hinab. Ihr Körper wirft seinen Schatten auf mich.

„Nein!“, antworte ich schlicht.

Die Vorstellung mit diesen beiden Grazien auf Tuchfühlung zu gehen bei einem ja, erzeugt einen inneren Schauer bei mir. Denn eines ist in diesem Moment klar. Ihre Frage ist nur die Vorhut.

Mein „Nein“ hatte sie wohl nicht erwartet. Sogleich springt ihr Widerspruchsgeist an. Noch gibt sie die Bank nicht verloren.

Sofort führt sie das Todschlagargument ins Felde: „Die Bank sei für alle da!“ Ich murmel etwas von Themen durchdenken und allein sein wollen. Leider fällt mir zu spät ein, dass ich hätte antworten können: „Ich bin hier gerade diese Alle und ich war vor Ihnen da!“

Sie schmollen beide. Hatten es sich so schön vorgestellt mich zu vertreiben. Diese Energien konnte ich schon bei ihrer Ankunft schwallartig spüren. „Sie können ja auf dem Rückweg auf der Bank sitzen“, gebe ich ihnen mit, als sie schmollend von dannen trotten. Ich kann die Ärgerwolken über ihren Köpfen schweben sehen. „So eine Unverschämtheit. Was denkt die sich nur? Das geht ja gar nicht!“ So in der Art wohl.

Ich feiere mein Nein!

Damals mit dem übergriffigen Mann hatte ich fettes Herzklopfen. Diesmal schlägt mein Herz ruhig weiter.

Ich bleibe noch eine Weile, diesmal ungestört sitzen. Die gerade erlebte Geschichte möchte gleich in Worte gefasst werden. Ich tippe sie in die Notiz-App auf meinem Handy.

Das ist Selbstfürsorge vom Allerfeinsten. Aus einem solchen Erlebnis gleich eine Geschichte kreieren.

Ich bin stolz auf mich!

8 Kommentare

  1. Liebe Angelika,
    mir tun diese kleinen Geschichten so unendlich gut, weil ich merke, ich bin nicht alleine! Aber ich kann bis heute nicht Nein sagen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Aber es ist immer ein Impuls von dir es weiter zu üben!
    Herzliche Grüße
    Anke

    • Liebe Anke,
      spannend, dass wir doch bei solchen Themen in guter Gesellschaft sind. Will sagen, wir sind viele. Von daher, lass uns üben und unsere Grenzen schützen. Das haben wir uns verdient.
      Von Herzen.
      Angelika

  2. Nein! Ist auch in diesem Falle ein ganzer Satz.
    Für mich wäre es die Kür, mir anschließend keine Gedanken über die möglichen Gedanken der Nein- Empfänger zu machen. Aber auch das schaffe ich noch

    • Oh ja, die Christine im Kommentar vor dir hatte das auch gerade schon kommentiert. Ich hatte den Satz bereits in einer Kurzgeschichte verarbeitet, deshalb kam mir der Impuls nicht nochmals. Und ja, ich stimme dir zu, den Ärgerwölkchen die Aufmerksamkeit zu verweigern, das ist die Kür. Daran arbeite ich auch noch.
      Ich werde berichten, wie und ob ich besser werde.
      Liebe Grüße zu dir.
      Angelika

  3. Christine

    Liebe Angelika, dazu fällt mir ein: „Nein!“ ist ein ganzer Satz! Stark, dass Du so klar sein konntest. Und sehr anschaulich geschrieben, ich war voll drin in den Geschichten und Emotionen …
    Dir noch eine gute selbstfürsorgliche Zeit am Lieblingssstrand und ganz liebe Grüße
    Christine

    • Hach, das freut mich, dass du gleich drin warst in meiner Geschichte. So soll das auch sein. Stimmt! „Nein!“ ist ein ganzer Satz. Das hatte ich gerade in einer Kurzgeschichte verarbeitet und kam deshalb nicht auf die Idee, ihn hier auch zu verwenden.

      Eine selbstfürsorgliche Zeit, das ist auch eine schöne Formulierung. Danke dafür.

      Liebe Grüße zu dir.
      Angelika

  4. Marlis Lamers

    Großartig, liebe Angelika. Das traue ich mich noch nicht und dabei hatte ich eine Situation, in der es so wichtig gewesen wäre, Nein zu sagen.
    Danke fürs Mutmachen und Wachrütteln.

    • Sehr gerne, liebe Marlis. Es ist so wichtig für die eigenen Belange einzutreten. Ich wünsche dir sehr, dass du bei der nächsten Grenzverletzung mutiger für deine Belange eintreten kannst.
      Herzensgrüße.
      Angelika

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